Schauplatz des Romans ist Wien. Viktoria arbeitet als Kognitionsbiologin und erforscht die Kommunikation von Kolkraben. Zu dem Raben Toni hat sie eine beinahe menschliche Beziehung aufgebaut, da sie ihn von Hand wie ein Kind großgezogen hat. Ebenso eng ist ihre Verbindung zu ihrer besten Freundin Helene, die sie vor vielen Jahren aus einer schwierigen Beziehung mit ihrem Ex-Mann befreit hat und die ihre Tochter Lara wie ein eigenes Kind mit aufgezogen hat - wie ein Vater, nur besser.
Als Viktoria eine Affäre mit dem deutlich jüngeren Polly beginnt, geraten nicht nur ihre eigenen Gefühle aus dem Gleichgewicht, sondern auch ihre Beziehungen zu Helene und Lara beginnen zu schwanken. Besonders die Dynamik zwischen Viktoria und Polly erzeugt eine spürbare Beklemmung, weniger aufgrund des Altersunterschieds, sondern wegen der unausgesprochenen Machtverhältnisse und der Frage nach Unterdrückung und Rollenbildern.
Felicitas Prokopetz gelingt es dabei erneut, verschiedene Sicht- und Denkweisen nebeneinanderzustellen, ohne eine davon zu bewerten. Der Leser wird immer wieder in neue Perspektiven geführt - etwa zwischen Viktoria und Helene - sodass Verständnis für beide Seiten entsteht, ohne dass man sich eindeutig positionieren muss. Gerade diese reflektierte Erzählweise, die ich bereits aus Wir sitzen im Dickicht und Weinen schätze, überzeugt auch hier wieder.
Zentrales Thema des Romans ist Kommunikation in all ihren Formen inklusive der Zwischentöne und diverser Missverständnisse. Besonders die Versuche der Verständigung zwischen den Figuren scheitern häufig oder werden nur halbherzig geführt, während gleichzeitig die Kommunikation der Raben erstaunlich ernst genommen und intensiv interpretiert wird. Diese Rahmung rund um den Raben Toni als Muster für gute Kommunikations-Interepretation finde ich sehr spannend gewählt und das lädt zum nachdenken ein. Insgesamt finde ich den Roman wieder sehr gelungen und ich hätte gerne gegen Ende noch etwas weiter in der Handlung verweilt.