Kognitionsbiologin Viktoria Kroth ist gerade dabei, ihre Promotion nachzuholen. Nachdem ihre Tochter Lara (21) fürs Studium aus der gemeinsamen Wohnung in Wien ausgezogen ist, hat die 44-jährige Doktorandin endlich Zeit für ihre Forschung. Doch an einem einzigen Tag geschehen gleich zwei ungewöhnliche Dinge: Rabe Toni, den sie von Hand aufgezogen hat, kehrt nach drei Jahren zu ihr zurück. Und Pollux Rusko, genannt Polly, taucht ebenfalls an der Forschungsstation auf. Der 25-jährige Student hat allerdings nicht nur Interesse an den gefiederten Tieren. Dann zeigt Toni plötzlich ein seltsames Verhalten, dem Viktoria mit ihrer besten Freundin Helene nachgehen will
Schon schwankte die Welt ist ein Roman von Felicitas Prokopetz.
Erzählt wird die Geschichte in 29 Kapiteln aus wechselnder Perspektive: aus der Sicht von Viktoria, Helene, Lara und Polly. Der Roman endet mit einem Epilog, der eine weitere Perspektive erschließt. Die Handlung spielt in Wien und umspannt mehrere Monate.
Der Fokus der Geschichte liegt vor allem auf den weiblichen Figuren. Viktoria, Helene und Lara sind Charaktere mit Ecken und Kanten. Ihre Gedanken sind stimmig. Sie werden mit psychologischer Tiefe dargestellt. Zwar sind nicht all ihre Facetten sympathisch. Das jedoch macht sie authentisch. Nur Polly wird ambivalent und undurchsichtig geschildert, sodass man zu ihm auf Distanz bleibt.
Der Roman setzt verschiedene thematische Schwerpunkte. Da ist zunächst die Wissenschaft, insbesondere die Biologie und Sprachwissenschaft. Zur Erforschung der Raben und ihrer Kommunikation liefert die Geschichte nicht nur interessante Tierfakten, sondern hält auch ein geheimnisvolles Element bereit, das für Spannung auf den rund 200 Seiten sorgt.
Ein weiterer Themenkomplex sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Dazu zählt insbesondere sowohl die Freundinnenschaft zwischen Helene und Viktoria als auch die Mutter-Tochter-Verbindung. Zudem spielen Kindheitstraumata eine wichtige Rolle.
Gut gefällt mir auch, dass der Roman sehr am Puls der Zeit ist. So beinhaltet er unterschiedliche feministische Aspekte und erwähnt Probleme wie den Klimawandel. Auch das macht die Geschichte über ihren Unterhaltungswert hinaus bereichernd und vielschichtig.
Zwar enthält die Handlung durchaus ein paar Szenen, bei denen es offensichtlich ist, dass die Autorin ihrer Fantasie freien Lauf gelassen hat und dies in der Realität kaum vorstellbar ist. Allerdings bleibt der Abschluss des Romans dadurch wunderbar mehrdeutig und lässt Raum für eigene Interpretationen.
Auch in sprachlicher Hinsicht hat mich der Text nicht enttäuscht. Die einzelnen Perspektiven sind stilistisch sehr gut ausgearbeitet. Es wird zudem auf angenehm unaufdringliche und natürlich klingende Art und Weise gegendert. Nur über einige österreichische Wörter, die mir wenig geläufig waren, bin ich beim Lesen gestolpert.
Der beinahe poetisch anmutende Titel ist recht allgemein gehalten, aber passt sehr gut. Das hübsche Covermotiv ist durchdacht und auf die Geschichte perfekt abgestimmt.
Mein Fazit:
Mit Schon schwankte die Welt ist Felicitas Prokopetz erneut meinen Erwartungen gerecht geworden. Ihr neuer Roman ist sogar noch besser gelungen als ihr Debüt. Definitiv lesenswert!