Seit dem Tod ihrer Mutter war Neyla nie wieder in Marokko, dem Heimatland ihrer Mutter und einem Teil ihrer eigenen Identität, zu dem sie kaum noch einen Bezug hat. Als ihr Vater sie über den Sommer zu ihrer Familie mütterlicherseits bringt und sie nach einem Zwischenfall an seiner Schule sogar allein dort zurücklassen muss, fühlt sich Neyla verloren. Zwischen einer Kultur, die eigentlich auch ihre eigene ist, und dem Gefühl, nirgendwo wirklich dazuzugehören, begegnet sie ausgerechnet Adam wieder, dem Jungen, der ihr vor zehn Jahren in ihrem schwersten Sommer begegnet ist und von dem sie lange glaubte, ihn sich nur eingebildet zu haben.
Gemeinsam verbringen sie einen Sommer voller neuer Erfahrungen, Selbstfindung und leiser Gefühle. Während Adam Neyla hilft, ihre Wurzeln neu kennenzulernen, beginnt sie vor allem zu verstehen, wer sie selbst eigentlich ist.
Ich liebe die Bücher von Mounia Jayawanth, weil sie es wie kaum eine andere Autorin schafft, authentische, moderne, feministische und gesellschaftlich relevante Geschichten zu erzählen. Auch Mit dir bin ich echt bildet da keine Ausnahme.
Besonders deutlich merkt man diesem Buch an, wie persönlich das Thema für die Autorin sein muss. Marokko und die dortige Kultur werden unglaublich authentisch und liebevoll dargestellt. Man spürt auf jeder Seite, dass hier nicht einfach ein Schauplatz gewählt wurde, sondern dass echte Erfahrungen, Gefühle und Verbundenheit in die Geschichte eingeflossen sind. Gerade deshalb wirkt alles so ehrlich. Die Beschreibungen der Orte, der Menschen, der Gerüche, des Essens und der sommerlichen Atmosphäre lassen Marokko lebendig werden. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, selbst durch die Straßen zu laufen, die Herzlichkeit der Familie zu erleben und diesen warmen Sommer mitzuerleben.
Dabei romantisiert die Autorin die Kultur keineswegs. Sie zeigt ebenso die schwierigen und kontroversen Seiten. Themen wie traditionelle Rollenbilder, Vorurteile oder gesellschaftliche Erwartungen werden genauso angesprochen wie Rassismus, kulturelle Herabwürdigung, Whitewashing, Identität und die Frage, wo man eigentlich hingehört. Besonders beeindruckend fand ich, dass Mounia Jayawanth dabei nie wertend schreibt. Sie stellt verschiedene Sichtweisen dar, zeigt Unterschiede zwischen Kulturen auf und vermittelt gleichzeitig, dass unterschiedliche Lebensweisen ihre Berechtigung haben und gegenseitiger Respekt die Grundlage sein sollte. Mit unglaublich viel Feingefühl gelingt es ihr, diese gesellschaftskritischen Themen einzubauen, ohne dass sie sich jemals aufdringlich anfühlen. Stattdessen regen sie zum Nachdenken an und bleiben auch nach dem Lesen noch lange im Kopf.
Das Buch lebt zudem von Neylas Entwicklung. Sie ist eine unglaublich greifbare Protagonistin, deren innere Zerrissenheit jederzeit nachvollziehbar ist. Sie fühlt sich weder vollständig deutsch noch marokkanisch, kennt einen wichtigen Teil ihrer eigenen Herkunft kaum und trägt unbewusst die Folgen von Whitewashing und kultureller Entfremdung mit sich. Ihre Unsicherheit, ihre Fragen und ihr Wunsch, endlich ihren Platz zu finden, wirken zu jeder Zeit authentisch. Umso schöner ist es, sie auf ihrer Reise zu begleiten, nicht nur zurück zu ihren familiären Wurzeln, sondern vor allem zu sich selbst. Ihre Selbstfindung entwickelt sich glaubwürdig und Schritt für Schritt, sodass jede Veränderung verdient wirkt.
Auch Adam mochte ich unglaublich gerne. Zwischen ihm und Neyla entwickelt sich eine zarte, unaufgeregte und gleichzeitig angenehm leichte Liebesgeschichte. Sie drängt sich nie in den Vordergrund, sondern ergänzt Neylas persönliche Entwicklung perfekt. Besonders schön fand ich, dass ihre Verbindung auf Verständnis, Vertrauen und gemeinsamen Erinnerungen aufbaut und nicht auf künstlichem Drama. Dadurch fühlt sich ihre Beziehung umso echter an.
Generell überzeugt der Schreibstil wieder auf ganzer Linie. Mounia Jayawanth schreibt modern, flüssig und gleichzeitig unglaublich emotional. Ihre Sprache ist feinfühlig, bildhaft und schafft es, selbst komplexe Themen verständlich und berührend zu erzählen. Trotz der ernsten Inhalte verliert das Buch nie seine Leichtigkeit. Die warme Sommeratmosphäre, die humorvollen Momente und die kleinen Alltagsaugenblicke sorgen für ein wunderschönes Lesegefühl. Für mich war das Buch deshalb auch ein absoluter Pageturner, sodass ich es innerhalb eines Tages verschlungen habe.
Besonders schön finde ich außerdem den Titel Mit dir bin ich echt. Er bekommt im Verlauf der Geschichte eine wunderschöne Bedeutung und wird innerhalb der Handlung noch einmal aufgegriffen. Dadurch wirkt er nicht nur passend, sondern erhält auch eine emotionale Tiefe, die mir sehr gefallen hat.
Das Ende ist für mich ebenfalls sehr passend gewählt. Es bleibt bewusst offen und überlässt den Leserinnen und Lesern die Freiheit, sich auszumalen, wie Neylas und Adams Geschichte weitergehen könnte. Gerade das empfand ich als sehr realistisch. Nicht jede erste Liebe muss in einem perfekten Happy End münden, und gerade in diesem Alter lässt sich die Zukunft eben nicht planen. Statt einer kitschigen Wunschvorstellung schenkt die Autorin den beiden die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu finden und genau das passt perfekt zu der Geschichte.
Fazit
Mit dir bin ich echt von Mounia Jayawanth ist weit mehr als eine sommerliche Liebesgeschichte. Es ist ein feinfühliger Coming-of-Age-Roman über Identität, Herkunft, Zugehörigkeit und die Suche nach dem eigenen Platz. Über kulturelle Wurzeln, Familie, wahre Freundschaften, Vorurteile und den Mut, sich selbst anzunehmen. Ein emotionales, authentisches und unglaublich wichtiges Buch, das nicht nur unterhält, sondern nachhallt.