"Das schönste aller Leben" ist das Debüt der in Arad geborenen, heute in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin Betty Boras (@bettyboras), erschienen bei hanserblau im Februar 2026. Der Roman erzählt die Geschichte von Vio, die kurz nach dem Sturz der Diktatur mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland flieht, und verwebt diese Gegenwartserzählung mit den Erfahrungen von Theresia im 18.Jahrhundert. Es ist eine Geschichte über Herkunft, Anpassung, die Suche nach Zugehörigkeit und den Preis von Schönheit, die sich durch Generationen zieht.
Meine Meinung
Ich hatte hohe Erwartungen, weil das eines der Bücher ist, die im Vorfeld in meiner Bookstagram-Bubble sehr präsent waren. Die Themen Mutterschaft, Migration und Schönheitsideale beschäftigen mich zudem häufig, und ich habe mich sehr gefreut, ein Buch lesen zu dürfen, dessen Autorin ich auch schon vor der Veröffentlichung über Bookstagram kennenlernen durfte. Bettys Debüt enttäuscht definitiv nicht. Die Sprache ist dicht, bildhaft, manchmal schmerzlich direkt. Besonders gelungen fand ich, wie dokumentarische Elemente, Reflexionen über pretty privilege oder reale Traumata von Frauen wie Turia Pitt oder Sophie Delezio in die erzählerische Fiktion eingewoben werden.
Vio als Figur ist komplex: Sie navigiert zwischen Selbstanspruch, Familienerwartungen und gesellschaftlichen Normen. Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Erinnerungen an die Großmutter und die Verantwortung für ihre Tochter nach einem Unfall haben mich beim Lesen sehr betroffen gemacht. Die Geschichte springt zwischen den Jahrhunderten und zwischen Ich- und Erzählstimme. Der Aufbau hat mich stellenweise gefordert, macht das Buch aber erzählerisch auf jeden Fall vielschichtiger.
Das Buch ist auch durch und durch als feministisch zu lesen, was vor allem an den Stellen sichtbar wird, die die Macht von Schönheit und sozialem Status reflektieren: Die Mädchen hießen Johanna, Charlotte oder Katharina, und bei ihnen zu Hause standen große Bücherregale Aber Vio fühlte sich wie ein Fremdkörper (S. 92). Oder der Satz, der die Last der Mutterschaft zusammenfasst: Seit dem Unfall gibt es wenig, das mir so wichtig erscheint wie das Aussehen meiner Tochter (S. 125).
Ein paar kleinere Kritikpunkte habe ich dennoch: Wie schon beschrieben, war mir der Wechsel zwischen den Jahrhunderten manchmal zu abrupt, und an einigen Stellen, wenn es um Theresias Erfahrungen geht, hätte ich mir mehr Kontext gewünscht. Dennoch überwiegt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, ein ehrliches, literarisch dichtes Buch gelesen zu haben, das Schmerz, Schönheit und gesellschaftliche Erwartungen auf wundersame Weise und mit einer wunderschönen Sprache reflektiert.
Fazit
"Das schönste aller Leben" ist ein bewegendes, sprachlich starkes Debüt für alle, die literarische Gegenwartsliteratur mögen und sich mit Migration, Mutterschaft und weiblicher Perspektive auseinandersetzen. Vielen Dank an Betty Boras für dieses Buch und an netgalley.de sowie hanserblau für das digitale Rezensionsexemplar.