Victor arbeitet als Krankenpfleger auf einer Unfallstation und versorgt täglich Schwerverletzte und schwierige Fälle. Er wirkt abgestumpft, verschlossen und kaum greifbar, seine Mitmenschen scheinen ihn für unscheinbar zu halten.
Die vielen Rückblenden, einzelnen Erlebnisse und Gedankengänge aus Victors Vergangenheit unterbrechen den Erzählfluss immer wieder. Dadurch wirkte die Geschichte auf mich stellenweise wirr und langatmig. Gleichzeitig zeichnet sich immer deutlicher das Bild eines zutiefst gestörten Menschen ab, der vor nichts zurückschreckt und wie eine tickende Zeitbombe wirkt.
Nach und nach wird deutlich, warum Victor sich so verhält. Sein Verhältnis zu seiner Familie ist schwierig. Auch seine Wohnung wirkt trostlos, austauschbar und alles andere als heimelig. Halt findet er scheinbar nur in seinen Büchern, zu denen er sich immer wieder rettet.
Er scheint schwer traumatisiert und kämpft unaufhörlich gegen seine inneren Dämonen bis er schließlich sein altes Ich hinter sich lassen und nicht länger der unscheinbare junge Mann sein will. Er verändert sein Äußeres grundlegend und beginnt, etwas zu planen. Was zunächst nach einer psychologischen Charakterstudie aussieht, entwickelt sich zunehmend in eine andere Richtung.
Victor war immer stolz darauf gewesen, übersehen zu werden: unsichtbar sein, ein Kindertraum. Jetzt war er stolz darauf, wahrgenommen zu werden, und er war stolz darauf, nicht nur den Tod in einem Gesicht lesen zu können, sondern auch Neugier oder Abneigung.
Etwa ab der Mitte wurde das Buch für mich regelrecht verstörend. Die Gewalt nimmt deutlich zu und wird sehr detailliert beschrieben. Ich habe mich beim Lesen mehrfach gefragt, ob es wirklich solche ausführlichen Gewaltszenen braucht. Selbst in Krimis sind mir derart drastische Beschreibungen zu viel. Solche Passagen kann und möchte ich nicht lesen.
Ich habe außerdem nicht verstanden, in welche Richtung der Roman eigentlich gehen sollte. Die Beschreibung hatte bei mir die Erwartung geweckt, eine intensive psychologische Charakterentwicklung zu lesen. Bekommen habe ich stattdessen einen zutiefst gestörten und für mich widerwärtigen Protagonisten sowie zahlreiche ausführliche Gewaltbeschreibungen. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was die eigentliche Intention des Autors war. Einen schockierten Leser zurückzulassen?
Fazit:
Meine Erwartungen wurden leider überhaupt nicht erfüllt. Statt eines psychologischen Romans mit einer tiefgehenden Figurenentwicklung steht die immer drastischer werdende Gewalt im Vordergrund. Damit konnte ich nichts anfangen.