Lale ist das Kind einer drogenabhängigen Mutter und eines unzurechnungsfähigen Vaters. Das Jugendamt übergibt sie in die Obhut eines Freundes ihres Vaters, der in einer Männer-Kommune lebt und so wie seine Mitbewohner an sich selbst spektakulär scheitert.
Lale fehlen Grenzen, Geborgenheit, Vorbilder, Sicherheit, Schutz. Die Erwachsenen definieren sich als Teil des linken Widerstands gegen das Establishment, Lale schwebt im antiautoritären Raum. Sie ist sexuellen Übergriffen ausgeliefert, weiß früh, welche Drogen wie konsumiert werden, ist unfähig, die Erfahrungen zu reflektieren oder einzuordnen.
In der Schule findet das intelligente Mädchen Halt. Sie beginnt zu schreiben, begreift den Ausdruck als Notwendigkeit.
Literarisch stark schafft die Autorin für ihre Ich-Erzählerin die Zukunft als Resonanzraum. Die erzählte Gegenwart ist nahezu unerträglich, doch der zukunftsgerichtete Blick zeigt eine starke Frau, die Traumata auflöst, sich ihren Verletzungen stellt und die Scham Stück für Stück demontiert.
Mit beiden Händen den Himmel stützen ist ein außergewöhnliches Debüt. Die Erzählstimme verweist ihr Publikum auf eine beobachtende Position, wertet nicht, schildert sachlich. Trotzdem ist der Text eine emotionale Herausforderung. Ich musste pausieren, neu ansetzen, mich neu in Position bringen. Kraftvoll und bildgewaltig beschwört die Autorin Szenen des Verwahrlosung, der Haltlosigkeit und des Missbrauchs herauf, zeichnet mutig und intensiv die gesellschaftliche Brisanz einer einzelnen Kindheit.
Warum habt ihr mich nicht beschützt, fragt Lale als Erwachsene. Es waren die 1980er, das war eben so, ist die Antwort. Vor diesem Hintergrund wird aus dem beklemmenden Bericht ein Roman über Macht, Missbrauch, Vernachlässigung und das Wegsehen der Gesellschaft. Was für ein monumentales Werk!