John Polidoris "Der Vampyr" gilt als Gründungstext des modernen literarischen Vampirs und verbindet die Schauerästhetik der englischen Gothic Novel mit der gesellschaftlichen Beobachtung der romantischen Epoche. Im Zentrum steht der rätselhafte Lord Ruthven, dessen aristokratische Kälte, verführerische Eleganz und moralische Verderbtheit eine neue Figur des Bösen etablieren: nicht das monströse Wesen aus dem Volksglauben, sondern der kultivierte Parasit der Salons. Die knappe, spannungsvolle Prosa entfaltet eine Atmosphäre von Faszination und Bedrohung. Polidori, 1795 geboren, war Arzt, Schriftsteller und zeitweilig Leibarzt Lord Byrons. Seine Nähe zum romantischen Kreis um Byron, Mary Shelley und Percy Bysshe Shelley prägte seine literarische Sensibilität entscheidend. "Der Vampyr" entstand im Umfeld jenes berühmten Sommers am Genfersee 1816, der auch "Frankenstein" hervorbrachte. In Lord Ruthven lassen sich zeitgenössische Vorstellungen von aristokratischer Macht, charismatischer Selbstinszenierung und sozialer Ausbeutung erkennen. Dieses Buch empfiehlt sich allen, die die Ursprünge der Vampirliteratur verstehen möchten. Es ist kurz, doch wirkungsmächtig: ein Schlüsseltext zwischen Romantik, Schauerroman und moderner Horrorliteratur, dessen Nachhall bis Bram Stoker und darüber hinaus reicht.