Marianna, Róa und Waleria sind Töchter. Wir Töchter erzählt ihre Familiengeschichte und verwebt sie mit Migrationsgeschichte, die drei Generationen umspannt. Alle drei Frauen sind in Polen geboren. Marianna lebt das Leben der einfachen Bäuerin. Ihre Tochter Róa geht mit ihrer Tochter Waleria Ende der 1980er-Jahre nach Deutschland, zerrissen zwischen dem Wunsch zu bleiben und der Aussicht auf ein besseres Leben und dem Ort, der Heimat bedeutete. Das Dilemma einer ganzen Generation.
Oliwia Hälterlein verwebt Prosa mit radikalen, zornigen, lyrischen Passagen, erzählt die Lebensgeschichten in drei Zeitebenen. Sie findet Worte für die Ungerechtigkeit, die Engstirnigkeit, die Vorurteile gegenüber den Migrant*innen, den Frauen aus den osteuropäischen Staaten.
Die Liebe trägt die Erzählstimmen, die Liebe zur Großmutter, der Babcia Marianna, zur Mutter, auch wenn die Frauen sich im neuen Land voneinander entfremden. Die Frauen sind es, die Geschichte schreiben.
Wir Töchter ist ein sprachlich unglaublich reifes Debüt. Sie spiegelt die vielfältigen Facetten in der Wahrnehmung weiblicher Körper. Die Tabuisierung weiblicher Körpererfahrungen, die Scham, das Schweigen, die mangelnde Aufklärung, die gesundheitlichen Aspekte der Geschlechterungleichheit werden wesentlicher Bestandteil der Familiengeschichte.
Im Chor erklingen zwischenzeitlich immer wieder die Wir-Stimmen der Ahninnen, die sich Kraft der Gemeinschaft gegen die Ungerechtigkeit positionieren und der Opferrolle widersprechen. So entwirft Oliwia Hälterlein eine ureigene, weibliche Erzählperspektive, radikal, brutal ehrlich. Sie nutzt die Sprache als Schutzraum, lässt sie im Kollektiv laut tönen.
Wir Töchter benennt die Herausforderungen, Beziehungen und Biografien von Töchtern, setzt migrantische Identität ins Verhältnis zu feministischen Themen um Selbstbestimmung und Tochterschaft und macht die Familiengeschichte zu einer Geschichte aller Frauen, nicht nur in der Diaspora.
Ein aufregendes, großes Debüt!