WER MÖCHTE NICHT IM LEBEN BLEIBEN
Helene Bukowski
ET: 26.02.26
Helene Bukowski erhält eine Kiste aus dem Nachlass einer jungen Pianistin, die sich mit gerade einmal 23 Jahren das Leben nahm. Aus Fotos, Notizbüchern und Briefen rekonstruiert sie das Leben der talentierten Christina, die 1961 in Leipzig geboren wurde.
Schon als Kleinkind erweist sich Christina als musikalisches Wunderkind. Mit vier Jahren erhält sie täglich Unterricht von ihrem Vater, der selbst Opernsänger ist und für seine Tochter eine Karriere als Pianistin plant.
Während andere Kinder im Hof spielen, muss Christina am Klavier üben. Sie ist folgsam und übt in jeder freien Minute. Nur selten überkommt sie die Wehmut, nicht dazuzugehören und keine Freunde zu haben. Der Vater organisiert Hauskonzerte und lässt sie bei Musikwettbewerben vorspielen.
Mit elf Jahren kommt Christina an die Spezi, eine Spezialschule für hochbegabte Kinder in Berlin. Die Räume sind kalt, es gibt nicht genug zu essen, doch zum ersten Mal findet Christina so etwas wie Freundinnen. Aber sie lässt sich nicht ablenken. Sie übt unermüdlich, gewinnt Wettbewerbe und wird genau das, was das System der DDR aus ihr machen möchte. Zuneigung, Empathie oder echtes Interesse an ihr als Mensch gibt es kaum. Es zählen Leistung, Erfolg und die richtige Vermarktung.
Später wechselt sie an das Konservatorium nach Moskau. Doch ich möchte euch gar nicht zu viel verraten. Lest dieses Buch, das zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert wurde, am besten selbst.
Was mich an diesem Buch besonders berührt hat, ist die unglaublich einfühlsame Art, mit der Helene Bukowski Christinas Leben erzählt. Immer wieder begegnen wir auch Helene selbst, die versucht, Christina eine Freundin zu sein, ihr in bestimmten Situationen zu helfen oder ihr die Hand zu reichen. Diese ungewöhnliche Verbindung zwischen Autorin und Protagonistin hat das Buch für mich zu etwas ganz Besonderem gemacht.
Dabei gelingt es Helene Bukowski, nicht nur Christinas persönliches Schicksal greifbar zu machen, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte zu erzählen. Die Härte, mit der junge Talente gefördert und gleichzeitig geformt wurden, die Kälte des Systems und die Trostlosigkeit des grauen DDR-Alltags werden auf eine sehr eindringliche Weise spürbar.
Je mehr ich über Christina erfahren habe, desto mehr hat mich ihre Geschichte beschäftigt. Ein junges Mädchen, das früh zu etwas Besonderem gemacht wird und dabei immer weniger als Mensch gesehen wird. Eine Geschichte über Talent, Ehrgeiz, Erwartungen, Einsamkeit und die Frage, was passiert, wenn das eigene Leben irgendwann nur noch aus Leistung besteht.
Ein tiefgründiges, intensives und sehr berührendes Buch, das bei mir noch lange nachwirken wird.
Chancen auf den Buchpreis? Unbedingt dachte ich zumindest.