Kalabrien, 1960. Francesca Loftfield ist eine junge idealistische Amerikanerin mit kalabrischen Wurzeln, die für die Hilfsorganisation Child Rescue arbeitet und alleine in das (fiktive) Dorf Santa Chionia gesandt wird, um dort den ersten Kindergarten zu eröffnen. Santa Chionia liegt völlig abgeschieden im Aspromonte-Massiv, die Bewohner sprechen Griko, einen griechisch-kalabrischen Dialekt. Kurz nach Francescas Ankunft bricht ein Unwetter mit sintflutartigen Niederschlägen über den Ort herein, das nicht nur die einzige Brücke, die ins Dorf führt, zerstört, sondern Gebäude unterspült und beschädigt. Hierbei kommt unter dem Postamt ein Skelett zum Vorschein. Während die Dorfgemeinschaft auffallend wenig Interesse an der Identifikation des Skeletts zeigt, bitten zwei Frauen Francesca inständig um Hilfe, weil sie jeweils eine Vermutung haben, um wen es sich handeln könnte. Francesca gibt den Bitten nach und stellt Nachforschungen an, durch die sie sich nichtsahnend einflussreiche Feinde macht.
Das Buch ist aus der Perspektive von Francesca als alter Frau geschrieben, die auf die Ereignisse des Jahres 1960 zurückblickt und hierbei auch die Leser direkt anspricht. Das gesamte Buch spielt binnen weniger Monate, und das Erzähltempo ist eher ruhig. Juliet Grames hat mit Die Verlorenen von Santa Chionia einen Genremix aus historischem Roman und Krimi geschaffen, bei dem ich den Eindruck hatte, dass der Kriminalfall vor allem als Mittel dient, um verschiedene historische Aspekte einzuflechten. Entsprechend fand ich den kriminalistischen Part des Romans weniger überzeugend als den spannenden Blick auf das Dorfgefüge, das durch Jahrhunderte alte Seilschaften, Traditionen, familiäre Verflechtungen und Rituale geprägt ist. Francesca trifft auf eine Mauer des Schweigens man hält zusammen gegen die neugierige Fremde.
Beim Lesen spürt man, wie wichtig es der Autorin war, den grecianischen Dörfern der Aspromonte-Region gerecht zu werden und nicht von außen zu werten oder zu verklären. Grames zeigt die Not der Bevölkerung, die keinen Zugang zu Schulbildung hatte, von Norditalien systematisch benachteiligt wurde und oft die Auswanderung nach Amerika als einzigen Ausweg auf ein Auskommen sah, aber auch die mafiösen Clanstrukturen, die sich in der Abgeschiedenheit ausbildeten und wesentlich zur Armut und Aussichtlosigkeit beitrugen. Sehr entsetzt hat mich, wie lange in Italien Vergewaltigung durch die erzwungene Heirat zwischen Täter und Opfer wiedergutgemacht werden konnte (Artikel 544 des Codice Penale).
Für mich hat dieses Buch seine besondere Stärke in der Schilderung des Dorfgefüges. Das Ende kam dann überraschend schnell, und es bleiben leider einige Fragen offen. Das ist einerseits etwas unbefriedigend, andererseits aber wohl realistisch.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, das mich dazu bewegt hat, auch das ein oder andere nachzuschlagen und etwas zu vertiefen.