Ich wollte eine Frau, die Nein sagt und bekam eine, die einfach verschwand.
Mum war immer da. Wie ein Therapiehund. Oder ein Therapiepferd. (S28)
Ich hatte bei Laura Clark ist dann mal weg von Russell ehrlich gesagt auf etwas anderes gehofft. Auf eine Geschichte über Selbstfindung. Auf eine Frau, die irgendwann die Nase voll hat, Nein zu allen anderen sagt und endlich ein lautes Ja zu sich selbst findet.
Stattdessen bekam ich eine Frau, die verschwindet, weil ihr alles zu viel wird. Und genau da lag für mich das Problem.
Es wird unglaublich viel über Laura, aber erstaunlich wenig von Laura erzählt und das ist für mich keine Kleinigkeit, sondern eine echte Schwäche. Laura ist praktisch die Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte und kommt trotzdem kaum selbst zu Wort. Andere Figuren erzählen, interpretieren und tragen die Handlung, Laura bleibt dabei erstaunlich blass.
Dabei hätte sie eigentlich allen Grund, interessant zu sein. Es ist wirklich irre, was Laura sich alles aufgeladen und was sie über Jahre mitgemacht hat. Sie ist ein People Pleaser par excellence und stellt die Bedürfnisse anderer konsequent über ihre eigenen. Genau deshalb konnte ich ihre Entscheidung irgendwann immer weniger nachvollziehen. Warum tritt sie nicht einmal richtig für sich ein? Denn ihr Verschwinden fühlte sich für mich nicht wie ein Kampf an. Eher wie die bequemste Form der Rebellion, einfach weg sein und weiterhin nichts sagen. Laura schweigt, wie sie es vorher schon getan hat. Sie setzt keine Grenzen, klärt nichts und hat auch später nicht wirklich einen Plan. Ich hatte mir von ihrer Geschichte einfach mehr Mut und mehr Entwicklung versprochen.
Und dann sind da Mark und Carol. Puh. Was für anstrengende Menschen. Beide sind so toxisch, dass der Wink mit dem Zaunpfahl irgendwann eher einem kompletten Bauzaun gleicht und trotzdem bleiben die toxischen Figuren toxisch. Viel Veränderung habe ich da nicht gesehen.
Überhaupt waren einige Situationen für mich so überzeichnet, dass ich irgendwann eher genervt als unterhalten war. Ob ich das Buch wirklich humorvoll nennen würde? Eher nicht. Wenn die meisten Figuren entweder belastend, unreflektiert oder schlicht dämlich sind, muss ich persönlich nicht automatisch lachen.
Sian und Ian waren für mich dafür die Lichtblicke. Sian macht eine richtig tolle Entwicklung durch und auch Ian wächst über sich hinaus. Bei den beiden war ich tatsächlich gespannt, was noch kommt und ganz ehrlich, diese beiden haben die Geschichte für mich ein gutes Stück gerettet.
Die vielen Perspektiven sorgen immerhin für ein schnelles Lesetempo. Ich wollte tatsächlich wissen, wie sich die einzelnen Figuren entwickeln, auch wenn ich einige davon wirklich ätzend fand. Gleichzeitig verstärkt die Perspektivvielfalt aber genau das Problem mit Laura, je mehr wir über sie erfahren, desto weniger sehen wir sie eigentlich.
Das fand ich fast schon ironisch. Es ist die Geschichte einer unsichtbaren Frau, aber obwohl ständig erzählt wird, was Laura für andere getan hat, wird sie selbst nicht wirklich sichtbarer. Teilweise hatte ich sogar den Eindruck, dass sie für manche Menschen plötzlich ersetzbar oder unnütz bzw. austauschbar wird. Das ist schon eine ziemlich bittere Erkenntnis für eine Geschichte, die eigentlich von einer Frau handelt, die endlich ihren eigenen Wert erkennen sollte.
Laura hat sich ihr Leben sicherlich auch selbst unnötig schwer gemacht und ich weiß nicht, ob ich es komplett fair finde, anschließend alles auf die anderen abzuwälzen. Andererseits frage ich mich, ob ich das vielleicht anders empfunden hätte, wenn Laura selbst mehr Raum bekommen hätte. Vielleicht hätte ich ihre Beweggründe dann besser verstanden.
Nach all den Seiten bleibt bei mir deshalb vor allem das Gefühl, da wäre mehr drin gewesen. Viel mehr.
Ich wollte eine Geschichte über eine Frau, die aufhört, es allen recht machen zu wollen. Eine Frau, die Grenzen setzt. Die für sich einsteht. Die den Mut findet, ihr Leben tatsächlich zu verändern.
Bekommen habe ich eine Frau, die sich versteckt, weil ihr alles zu viel wird, weiterhin nicht richtig kommuniziert und am Ende auch nicht wirklich einen alltagstauglichen Plan für ihr neues Leben hat.
Vielleicht hatte ich einfach die falschen Erwartungen. Vielleicht funktioniert das Buch auch besser, wenn man jemanden hat, mit dem man anschließend ausführlich darüber diskutieren kann, denn Gesprächsstoff gibt es definitiv genug.
Für mich bleibt aber leider vor allem eines hängen, ich hatte mehr erwartet.