Eher zufällig wurde ich auf Heilige der Narrows Street aufmerksam, da mich Cover und Kurzbeschreibung ansprachen. Zum Glück, denn William Boyle hat mir mit seinem Kriminalroman ein echtes Highlight beschert.
Die Schwestern Risa und Giulia, beide in den Zwanzigern, wohnen 1986 in einem italienischen Arbeiterviertel in Gravesend, Brooklyn. Risa ist mit Sav verheiratet, einem gewalttätigen Kleinkriminellen, und hat mit ihm den achtmonatigen Sohn Fab. Als Sav betrunken mit einer Waffe nach Hause kommt, Giulia am Hals packt und sie zu erwürgen droht, schlägt Risa mit der Bratpfanne zu. Sav stürzt unglücklich und stirbt. Die beiden Schwestern holen den Nachbarssohn Christopher Chooch zu Hilfe und beschließen, die Leiche zu vergraben und allen zu erzählen, dass Sav einfach abgehauen ist. Da Sav zuvor in der Kneipe entsprechende Absichten geäußert hat, schöpft niemand Verdacht, zumal sich sein älterer Bruder Roberto Jahre zuvor ebenfalls bei Nacht und Nebel davongemacht hatte. Als Roberto eines Tages wieder auftaucht, beginnt er, unangenehme Fragen zu stellen.
William Boyle schreibt in klarer, eindringlicher Sprache und lässt Brooklyn und seine Bewohner vor meinem inneren Auge so lebendig werden, als würde ich selbst durch die Straßen der italoamerikanischen Community gehen, obwohl ich noch nie in New York war. Besonders fasziniert hat mich Boyles außergewöhnlicher Erzählstil: Heilige der Narrows Street besteht aus vier Teilen, die jeweils die Geschehnisse an ein bzw. zwei Tage in den Jahren 1986, 1991, 1998 und 2004 erzählen. Obwohl er hierdurch nur Schlaglichter auf einzelne Tage im Leben der Figuren wirft, wirkt der Roman nie lückenhaft, sondern entwickelt gerade hierdurch eine besondere Dichte.
Wie Boyle das italienischstämmige Arbeitermilieu Brooklyns zum Leben erweckt, erinnert mich an einen meiner Lieblingsautoren, Dennis Lehane (bei ihm ist es Boston). Man spürt beim Lesen eine ehrliche Zuneigung zu den Menschen, ihren Sorgen und Nöten. In Heilige der Narrows Street zeigt sich, wie kleine Zufälle, schnelle Entscheidungen ganze Leben prägen und einen Strudel von Ereignissen in Gang setzen.
Ganz klare Leseempfehlung!