Dieser zweite Band von Essays des Schriftstellers und Staatsrechtslehrers Bernhard Schlink ist schon 2002 bei Suhrkamp erschienen. Die Neuausgabe bei Diogenes 2007 enthält zwei weitere Essays aus den letzten Jahren, die die Themen der Vorgänger noch einmal aufgreifen und aktualisieren.
Schlink ist einer der wenigen Schriftsteller, die ihre Arbeit in ihrem Hauptberuf, hier die Lehre des Staatsrechts an der Hochschule, verbinden mit der Schriftstellerei und versuchen in ihrer Prosa
ihre beruflichen Thesen umzusetzen.
In Schlinks Essays geht es um das Erinnern und das Vergessen, die beide dem Recht innewohnen. Nach Jahren kann es noch verlangen, daß ein Täter für seine Tat und seine Schuld bestraft wird. Es kann aber auch sein, daß es nötig ist, Vergangenes zurückzulassen, weil durch Bestrafung und Wiedergutmachung der Rechtsfrieden nachhaltig gestört würde. Dieser innere Konflikt des Rechts wird von Schlink insbesondere an der Bewältigung nationalsozialistischer und auch der kommunistischen deutschen Vergangenheit deutlich gemacht. Ein besonderes Augenmerk legt Schlink in seinen Essays, die über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten entstanden sind und wie Bausteine aufeinander aufbauen, auf das verfassungsrechtlich verbürgte Rückwirkungsverbot.
Besonders ein Aufsatz über die Vergangenheitsbewältigung der deutschen Staatsrechtler, in dem er einen sehr kritischen Blick hinter die Kulissen der eigenen Zunft wirft und dafür sicher auch sehr viel Kritik einstecken musste, ist in der Reihe dieser allesamt auch für den juristischen Laien lesenswerten und verständlichen Essays positiv hervorzuheben.
Die Essays lesen sich zeitweise wie eine wissenschaftliche Hintergrundbeschreibung seiner beiden Romane Der Vorleser und Die Heimkehr, die ich in diesem Zusammenhang zur Lektüre nur empfehlen kann.