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Eliten in Ostdeutschland

Warum den Managern der Aufbruch nicht gelingt.
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Produktdetails

Titel: Eliten in Ostdeutschland
Autor/en: Gunnar Hinck

EAN: 9783862842667
Format:  EPUB
Warum den Managern der Aufbruch nicht gelingt.
Links Christoph Verlag

17. Dezember 2013 - epub eBook - 216 Seiten

Warum macht Ostdeutschland fast nur mit Krisennachrichten von sich reden? Warum sind so wenige engagierte Stimmen aus der Region zu hören? Eine Mitverantwortung dafür tragen die ostdeutschen Funktionseliten. Die Spitzen von Politik, Wirtschaft und Medien haben sich im bloßen Verwalten eingerichtet, anstatt Perspektiven zu entwickeln und Orientierung zu geben. Wie kamen sie nach der Wende auf diese Positionen? Westdeutsche Aufbauhelfer, ostdeutsche Seiteneinsteiger und frühere SED-Nachwuchskader sind einander nach wie vor fremd, sie verbindet einzig der Verlust an Gewissheiten. Gunnar Hinck zeigt den Zusammenhang zwischen ostdeutscher Krise und dem Führungspersonal auf und geht in 14 Porträts den biographischen Prägungen der Verantwortlichen nach. Zugleich entwickelt er Ideen, wie der Lähmungszustand in Ostdeutschland überwunden werden kann.
Jahrgang 1973; geboren in Stade; Studium der Politikwissenschaften, Publizistik und des Öffentlichen Rechts in Göttingen und Uppsala; Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung in Frankfurt (Oder) und bei der Sächsischen Zeitung in Dresden, anschließend Redakteur für Innenpolitik bei der Mitteldeutschen Zeitung in Halle; lebt als freier Autor in Berlin.

Der Autor dieser Zeilen sagt heute, dass er vieles nicht mehr so schreiben und sagen würde, wie er es einst als junger Mann getan hat. Im Gespräch macht er den Eindruck eines vorsichtigen, hanseatisch-kühlen Spitzenbeamten, der weiß, dass er viel zu verlieren hat, wenn er heute Ähnliches formulieren würde. Gleichwohl schimmern seine Auffassungen auch heute noch durch. Eine homogene Bevölkerung hält er für einen Idealzustand gegenüber dem Aufeinanderstoßen verschiedener Kulturen. Es ist eine Meinung, die fraglos legitim ist und keinesfalls gegen Grundgesetzartikel verstößt. Ob dieses Meinungsbild jedoch die Arbeit mit Ausländern und Flüchtlingen in einem Land mit massiver Fremdenfeindlichkeit erleichtert hat, ist ungewiss. Bis Ende 2006 war die Abteilung, die Darsow untersteht, auch für Ausländerfragen zuständig.

Es geht hier nicht um moralische Empörung; beide, Lambrecht und Darsow, dürften pflichtbewusste Beamte sein. Interessant ist etwas anderes. Es waren eben nicht Nordrhein-Westfalen, Bayern oder das Bundeskanzleramt, die Aufnahme gewährten, sondern ein neues, schwaches Bundesland. Hier waren Auslesekriterien und Kontrollmechanismen für den öffentlichen Dienst noch nicht aufgebaut, hier griffen informelle Seilschaften aus dem westlichen Nachbarland leichthin über. Qualität und Eignung waren in den Jahren nach 1990 in der Summe nicht die dominanten Kriterien bei der Besetzung der vielen neuen Stellen. Es waren häufig die im Westen Gescheiterten, die ideologisch heimatlos Gewordenen, auch die Glücksritter oder schlicht die durchschnittlichen Begabungen, denen unverhoffte Möglichkeiten zufielen.

Die Westdeutschen sind indes nicht allein gewesen, um das Vakuum zu füllen, das der erzwungene Abgang der SED-Eliten verursachte. Eine neue Sozialfigur formierte sich und b
etrat die öffentliche Arena: der ostdeutsche Seiteneinsteiger. In der DDR hat er als Arzt, Naturwissenschaftler oder Ingenieur gearbeitet. Der Beruf war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt; oft litt er am Studium. Gern hätte er ein anderes Fach belegt, Geschichte etwa oder Jura. Allein, diese Fächer wären ihm in der DDR zu staatsnah gewesen. Mathematische Formeln aber haben in jedem politischen System ihre unverrückbare Gültigkeit, auch im Marxismus-Leninismus. Aus seinem Beruf, den er notgedrungen wählte, zog er durchaus Selbstbewusstsein. Technik und Naturwissenschaften waren in der DDR hoch anerkannt, und die DDR-Führung benötigte für den Aufbau ihrer Kombinate und für öffentliche Einrichtungen sein Know-how. Sie behandelte und bezahlte ihn folglich gut – er zählte offiziell zur »Intelligenz« der DDR –, und sie sah sogar darüber hinweg, dass er sich partout nicht der Partei, also der SED, anschließen wollte. Die einzige Konzession, die für ihn vielleicht in Frage kam, war die einfache Mitgliedschaft in einer Blockpartei. Begrenzter Aufstieg war möglich. Mit Mitte, Ende dreißig besetzte er vielleicht bereits einen Führungsposten eines kleineren Instituts in der Provinz oder wurde Abteilungsleiter in einem Volkseigenen Betrieb oder gar Kombinat. Darüber aber ging nichts mehr: Das Parteibuch der SED fehlte.

Prägend für den Seiteneinsteiger war seine Herkunft. Er stammte oft aus den Überbleibseln der bürgerlichen Milieus der DDR, wo die Eltern den wenigen Berufen nachgingen, die sich auch im DDR-Sozialismus Eigenständigkeit und Eigensinn bewahren konnten: Ärzte, Musiker, Pfarrer, mit Einschränkungen Anwälte. Die Familie bot andere Zugänge zu Bildungsquellen und einen anderen, nicht SED-konformen Blick auf die Realität.

Gerade dieser andere Erfahrungsh
intergrund war es, der ihn zum ostdeutschen Gewinner nach der Wende machte. Schnell und illusionslos stellte er sich auf die neue Situation ein. Schon zu DDR-Zeiten war er am Westen interessiert und gut über ihn informiert, oft durch familiäre Kontakte. Die DDR und ihre Plan-wirtschaft hatte er schon längst mit dem nüchternen Blick seines technisch-naturwissenschaftlichen Berufes als nicht überlebensfähig analysiert.

Es ist nicht so, dass er entschlossen und machtbewusst die vielen neuen Möglichkeiten ergriffen hätte, die sich nach der Wende boten. Vielmehr fiel ihm gleichsam automatisch die Rolle zu, das entstandene personelle Vakuum an Eliten zu füllen. Er war politisch in keiner Weise diskreditiert; er konnte auf Führungserfahrungen in seinem anspruchsvollen Beruf zurückgreifen; und er ging ohne nachhaltige Beschädigungen aus einer Diktatur hervor, denn schließlich war er ein wichtiger und umworbener Spezialist in der DDR.

Heute ist der Seiteneinsteiger besonders stark in der Politik vertreten. Ein Zufall ist es nicht, dass allein vier der fünf ostdeutschen Ministerpräsidenten diese Sozialisation durchliefen. Harald Ringstorff aus Mecklenburg-Vorpommern war als Chemiker im Betrieb eines Werftkombinats zuständig für Schiffsfarben, Wolfgang Böhmer aus Sachsen-Anhalt arbeitete als Gynäkologe und Chefarzt, Dieter Althaus aus Thüringen als Lehrer für Mathematik und Physik, und schließlich Matthias Platzeck aus Brandenburg, der als Kybernetik-Ingenieur Leiter einer Hygieneinspektion in Potsdam und vorher technischer Direktor eines Krankenhauses war. Eine Seiteneinsteigerin, eine Physikerin, hat es inzwischen auf Bundesebene nach ganz oben geschafft, ins Kanzleramt.

Die kirchlich geprägten Bürgerrechtler der Wendezeit finden sich nur noch selten in der ostdeutschen Funktionselite. In den Wen
demonaten dominierten sie die Runden Tische und spielten unmittelbar danach eine erhebliche Rolle in der Politik. Sie waren die Stars der Revolution, die neuen Gesichter eines aufgewachten Landes: Marianne Birthler, Bärbel Bohley, Friedrich Schorlemmer, Rainer Eppelmann, Vera Lengsfeld, Werner Schulz, Arnold Vaatz und andere. Die meisten haben sich zurückgezogen, desillusioniert von der Kluft zwischen ihren Idealen und der politischen Realität. Einige befinden sich heute auf repräsentativen, aber bedeutungslosen Posten oder beschäftigen sich, zum Beispiel als Landesbeauftragte für Stasiunterlagen, hauptberuflich auf gewisse Weise mit ihrer eigenen Vita.

Andere mussten die schmerzliche Erfahrung machen, dass der moralische Bonus des politischen Verfolgtseins nur für eine begrenzte Zeit trug. Irgendwann reichte die DDR-Opferbiographie nicht mehr aus als dominierendes Qualifikationsmerkmal. Oftmals gar war sie eine Last. Ihre Opfer-Erfahrung hatte bei ihnen eine moralische Rigidität wachsen lassen, die die Fähigkeit zum Kompromiss – eine der wichtigsten Eigenschaften in der Politik – behinderte. Wieder andere sind an ihrer Opferbiographie zerbrochen. Es sind die Pragmatiker, die Vertreter der technischen Intelligenz der DDR, die an ihre Stelle getreten sind.

Notgemeinschaft Ost


Ehemalige SED-Nachwuchskader, westdeutsche Importkräfte, ostdeutsche Seiteneinsteiger – die Macht im Osten teilen sich Menschen mit denkbar unterschiedlichen Prägungen. Bis zur Wende hatten sie in unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Realitäten gelebt, voneinander getrennt durch scharf gezogene Grenzen: die Grenze, die die beiden deutschen Staaten voneinander trennte, aber auch die gesellschaftliche Grenze, die sich durch die DDR zog.

Als Gabriele Schulz, 2. Sekretär der SED-Kreisleitung des am Eisernen Vorhang gelegenen Ha
genow in Mecklenburg, Ende der achtziger Jahre darüber zu beraten hatte, wie die Grenze zur Bundesrepublik besser »gesichert« werden könne, hielt Wolfgang Böhmer, frisch habilitierter Gynäkologe in Wittenberg, eine Vorlesung in Zürich. In der DDR hatte er als Parteiloser keine Lehrbefugnis, also reiste er mithilfe der Kirche in den Westen. Die staatlichen Stellen hätten ihm die Reise nicht erlaubt. Die eine versuchte die Mauer noch undurchlässiger zu machen, der andere überwand sie, wenigstens für ein paar Tage.

Als Alexander von Witzleben Anfang der achtziger Jahre gerade sein Abitur am schleswigschen Elite-Internat Louisenlund absolvierte, um sich daraufhin zum Reserveoffizier der Bundeswehr ausbilden zu lassen, saß Christina Emmrich an der Ost-Berliner Parteihochschule »Karl Marx«, um gerüstet zu sein für eine höhere SED-Karriere.

Während Wolfgang Kenntemich, Journalist in Bonn, für die Bild-Zeitung Artikel schrieb über dramatische Fluchtgeschichten aus der DDR und an seiner Einschätzung der DDR als Unrechtsregime keinen Zweifel ließ, feilte Hans Eggert gerade an einer Rede für seinen Vorgesetzten, FDJ-Chef Eberhard Aurich. Er textete: »Historische Wahrheit ist, dass wir einem erfahrenen und harten Gegner gegenüberstehen, dem Imperialismus. Unter allen Bedingungen werden wir konsequent und standhaft seine Versuche zurückweisen, den Vormarsch des Sozialismus mit ideologischer Diversion, Antikommunismus und Antisowjetismus aufzuhalten.«9

Gabriele Schulz heißt heute Gabriele Mestan und ist Parlamentarische Geschäftsführerin der PDS-Landtagsfraktion in Schwerin, Wolfgang Böhmer ist Ministerpräsident in Magdeburg. Alexander von Witzleben leitet die Jenoptik AG in Jena, Christina Emmrich amtiert als Bezirksbürgermeisterin v
on Berlin-Lichtenberg, während Wolfgang Kenntemich MDR-Chefredakteur ist und Hans Eggert in selbiger Funktion bis vor kurzem bei der Sächsischen Zeitung arbeitete und jetzt Korrespondent dieser Zeitung ist. Sie werden unter anderen in diesem Buch porträtiert. Es gibt heute in Ostdeutschland viele Emmrichs, viele Böhmers und viele Kenntemichs. Als Funktionsträger stehen sie dicht beieinander und haben ständig miteinander zu tun. Sie müssen zwangsläufig zusammenarbeiten. Doch bis heute haben sie...


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