Von Perlin nach Berlin entfaltet in autobiographisch grundierten Erinnerungsbildern den Weg aus dem mecklenburgischen Dorf Perlin in die rasch wachsende Reichshauptstadt. Seidel verbindet anekdotische Beobachtung, milde Satire und kulturgeschichtliche Genauigkeit zu einer Prosa des poetischen Realismus, die das Kleine ernst nimmt: ländliche Sitten, Familienprägungen, Bildungserfahrungen und die Verheißungen technischer Moderne erscheinen als Stationen einer inneren wie äußeren Wanderung. Der Ton ist heiter, doch nie oberflächlich; hinter der Plauderei steht ein scharfes Sensorium für sozialen Wandel. Heinrich Seidel (1842-1906), in Perlin geboren und zunächst Ingenieur, brachte für ein solches Buch eine ungewöhnliche Doppelperspektive mit. Als Techniker wirkte er an Berliner Großprojekten mit, als Schriftsteller wurde er durch humoristische Erzählungen und die Gestalt Leberecht Hühnchen bekannt. Seine Herkunft aus Mecklenburg, der Aufstieg in der Hauptstadt und seine Erfahrung zwischen Handwerk, Bürgertum und Literatur erklären die genaue Aufmerksamkeit für Übergänge, Milieus und Lebensformen. Empfohlen sei das Buch Lesern, die Stadtgeschichte nicht als bloße Chronik, sondern als gelebte Erfahrung verstehen möchten. Es bietet zugleich eine anmutige Einführung in Seidels Erzählkunst und ein aufschlussreiches Dokument deutscher Modernisierung im 19. Jahrhundert. Wer leisen Humor, verlässliche Milieuschilderung und historische Selbstbeobachtung schätzt, findet hier eine kleine, doch ergiebige Lektüre.