Else Urys zehnteilige Reihe "Nesthäkchen" begleitet Annemarie Braun, die lebhafte jüngste Tochter einer Berliner Arztfamilie, von der behüteten Kindheit über Krieg, Ehe und Mutterschaft bis ins Alter. In klarer, dialogreicher Prosa verbindet Ury humorvolle Familienszenen mit moralischer Erziehung und zeitgeschichtlicher Beobachtung. Die Bücher stehen im Kontext der bürgerlichen Mädchenliteratur des frühen 20. Jahrhunderts und spiegeln zugleich Kaiserreich, Ersten Weltkrieg und Weimarer Republik. Else Ury, 1877 in Berlin geboren, entstammte selbst einem gebildeten jüdischen Bürgertum, dessen Werte von Bildung, Pflichtgefühl, Häuslichkeit und sozialer Verantwortung ihr Werk prägen. Ihre genaue Kenntnis des großstädtischen Familienlebens, ihre Erfahrung weiblicher Rollenerwartungen und die politischen Erschütterungen ihrer Zeit gaben der Reihe ihre Spannung zwischen Idylle und Geschichte. 1943 wurde Ury in Auschwitz ermordet. "Nesthäkchen" empfiehlt sich heutigen Leserinnen und Lesern als kulturhistorisch aufschlussreiche, erzählerisch zugängliche Chronik weiblichen Aufwachsens. Wer die Reihe mit kritischem Blick auf Geschlechterbilder, Nationalgefühl und bürgerliche Normen liest, entdeckt ein bedeutendes Dokument deutscher Kinder- und Jugendliteratur.