Wieso wurde im Jahr 1990, und damit in einem zentralen Moment der deutschen Geschichte, das bundesdeutsche Grundgesetz nicht durch eine gesamtdeutsche Verfassung ersetzt? War es westdeutsches Desinteresse oder standen andere Gründe dahinter? Die Beiträge des vorliegenden Bandes widmen sich diesen Fragen aus ost- und westdeutscher sowie generationen- und disziplinenübergreifender Perspektive. Dahinter steht die Frage, welche Erzählungen über unsere Verfassung kursieren und wie sich darin die deutsche Geschichte erkennen lässt.
The unification of the two German states in 1990 forms a central moment in German history and leads to a crucial question: Why was the West German Basic Law not replaced by an all-German constitution? Does this reflect a lack of interest on the part of "the" West Germans - as has recently been assumed again? What other reasons can be given? These questions are explored in the contributions to this volume across East and West as well as across generations and disciplines. Linked to this is the question of what stories we tell about our constitution and what can be told from them about German history. Wieso wurde in einem so zentralen Moment der deutschen Geschichte, wie der Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten 1990, das bundesdeutsche Grundgesetz nicht durch eine gesamtdeutsche Verfassung ersetzt? Zeigt sich darin das Desinteresse "der" Westdeutschen - wie neuerdings wieder vermutet wird? Welche anderen Gründe lassen sich für dieses "Nicht-Ereignis", wie es schon Mitte der 1990er genannt wurde, anführen? Diesen Fragen wird in den Beiträgen des Bandes aus ost- und westdeutscher sowie generationen- und disziplinenübergreifender Perspektive nachgegangen. Damit verbunden ist zudem die Frage, welche Geschichten wir über unsere Verfassung erzählen und was sich daraus über die deutsche Geschichte ablesen lässt.
Inhaltsverzeichnis
Teil 1: Zur Einführung
Kerstin Brückweh: Wozu die Wiederbelebung eines Nicht-Ereignisses ? Eine Einführung - Astrid Lorenz: Nicht-Ereignisse mit Effekt? Auswirkungen ausgebliebener Verfassungsgebungen in postsozialistischen Staaten und Deutschland nach 1989
Teil 2: Verfassungsdiskussionen 1989 bis 1994: Drei Initiative n
Rosemarie Will: Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches - Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder: Paulskirchenerklärung und Vorbemerkung der Herausgeber von 1991 - Christoph Schönberger: Routinierte Berufspolitik im historischen Ausnahmemoment. Die Gemeinsame Verfassungskommission der frühen 1990er Jahre
Teil 3: Verfassungsdiskussionen 1989 bis 1994: Artikel 6 des Grundgesetzes als Beispiel
Eva Schumann: Die gescheiterte Reform des Art. 6 GG (Ehe und Familie) in der Gemeinsamen Verfassungskommission eine verpasste Chance? - Anne Röthel: Kinderrechte in den Verfassungsdebatten des Beitrittsprozesses
Teil 4: Verfassungsgeschichte(n): Kontexte, Ideen und Positionen
Christopher Banditt/Helena Gand: Stimmungen, Meinungen und Motivlagen der deutsch-deutschen Bevölkerung in der Verfassungsdiskussion im Jahr 1990 - Matthias Jestaedt: Verfassungsentwicklung in Permanenz. Zur Einordung der Bemühungen um eine gesamtdeutsche Verfassung 1989 1994 - Anselm Doering-Manteuffel: Barrieren aus der Zeit des Kalten Krieges. Überlegungen zur Ideengeschichte in der Auseinandersetzung über eine gesamtdeutsche Verfassung - Julia Angster: Die Verfassung vor den Bürgern schützen? Demokratieverständnis und Gesellschaftsbild in den deutschen Verfassungsdebatten 1989 bis 1994 - Ilko-Sascha Kowalczuk: Warum die Verfassung nicht nur eine Angelegenheit von Juristinnen und Juristen ist
Teil 5: Ausblick
Kerstin Brückweh/Jan Thiessen: Rückblick und Perspektiven. Ein Werkstattgespräch über den Band