Gleich vorne weg, bei diesem Buch handelt es sich um ein Werk, dass einen meiner Meinung nach nicht so schnell wieder loslässt, das mit seinen Gedankenansätzen und Fragen, die es aufwirft durchaus nachhallt.
Aber zunächst von ganz Anfang an. Die Schlichtheit des Cover hat mich gleich näher interessiert; gerade in einer Zeit, in der die Cover immer farbenfroher und ( so zumindest mein Empfinden) leider auch immer überladener sind, einfach eine tolle Abwechslung. Und auch das grundsätzliche Konzept des Buches; mehrere Kurzgeschichten bzw. Fälle aus Evas vergangenen Jahren als Strafverteidigerin hintereinander gegeschaltet und doch immer durch eine grobe Rahmenhandlung zusammengehalten, finde ich echt gut umgesetzt. Auch wenn ich nach wie vor nicht ganz einordnen kann, in welchem Genre wir uns befinden. Es fehlen irgendwie so richtige "Roman-Elemente", aber für ein Sachbuch ist es dann schon wieder zu erzählend...
Auf alle Fälle werden ganz unterschiedliche Facetten, die die Grenzen ( und auch Grauzonen) zwischen Moral, Recht und Wahrheit ausloten hier miteinander verwoben. Ich muss aber tatsächlich zugeben ( inwieweit das jetzt mit meiner allgemeinen [True-]Crime-Affinität zusammenhängt ist noch fraglich), dass mir manche Sachverhalte mal etwas zu vorhersehbar ( weil doch recht nah an bekannten Fällen) oder vereinzelt auch etwas sehr konstruiert vorkamen. Aber bei näherem Drübernachdenken und im Verlauf der Geschichte merkt man immer mehr, dass das ja auch gar nicht ausschließlich der Mittelpunkt der Handlung ist. Denn eigentlich geht es ja um Evas Reflexion und auch all die tiefgründigen Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld, Verantwortung, Entscheidungen, die Strafverteidiger manchmal in Grauzonen operieren lassen. Eva als Hauptperson ist dabei wirklich toll herausgearbeitet, vielleicht hängt das auch mit dem Hintergrund der Autorin zusammen, aber insgesamt wirklich eine Protagonistin, die sehr gut gelungen ist ( auch wenn ich manche Entscheidungen nicht ganz nachvollziehen kann) Allgemein werden so einige Punkte angesprochen, die sowohl Diskussions- als auch gesellschaftliches/öffentliches "Eskalationspotential" haben, was ich sehr fesselnd fand.
Eine Lektüre, die mich nicht so schnell wieder loslassen wird und mir auch einmal mehr gezeigt hat, dass ich all diese Themen zwar super interessant finde, charakterlich aber absolut nicht für einen Job wie Eva ihn hat geeignet wäre.