"Die Housesitterin" von Emily Rudolf ist ein Thriller, der von Beginn an fesselt und den Leser sofort in seinen Bann zieht. Die Geschichte lebt stark von ihren undurchsichtigen Figuren, deren Motive man lange Zeit nicht vollständig begreift. Besonders Cecilia bleibt zunächst ein Rätsel: Ihr Verhalten wirkt einerseits vorsichtig und unscheinbar, teilweise fast schon naiv, andererseits deutet nach und nach vieles darauf hin, dass sie weit mehr weiß, als sie preisgibt. Auch Johannes und Nick lassen sich nur schwer einschätzen, was die Spannung zusätzlich erhöht und dafür sorgt, dass man ständig zwischen Misstrauen und Verständnis für die Figuren hin- und hergerissen ist.
Der Roman ist geprägt von Perspektivwechseln und Zeitsprüngen, wie man sie bereits aus "Das Dinner" oder "Die Auszeit" kennt. Dadurch entsteht ein dynamischer Erzählfluss, der nach und nach enthüllt, welche Verbindungen die Figuren miteinander haben und warum bestimmte Handlungen geschehen. Immer wieder öffnen sich neue Fragen, während andere sich langsam klären, sodass man konstant zum Miträtseln angeregt wird. Manche Nebenfiguren wirken im Verlauf der Handlung verdächtig oder geheimnisvoll, ohne jedoch ihr volles Potenzial auszuschöpfen - hier wäre mMn manchmal etwas mehr Tiefe möglich gewesen. Dennoch tragen sie zur besonderen Atmosphäre des Buches bei und verstärken das Gefühl, dass jeder etwas zu verbergen hat.
Obwohl einige Passagen recht intensiv und stellenweise vielleicht ein wenig zu explizit geraten sind, bleibt die Geschichte insgesamt sehr stimmig. Der Thriller entfaltet sich zunehmend psychologisch, und die Verstrickungen aus Gegenwart und Vergangenheit greifen immer stärker ineinander. Dabei wird klar, dass die Ereignisse der Vergangenheit die Figuren im Kern geprägt haben und viele ihrer Entscheidungen nachvollziehbar machen.
Der große Plot-Twist wirkt im Vergleich zu Emily Rudolfs früheren Büchern etwas früher erkennbar, funktioniert jedoch dennoch gut, weil die Auflösung schlüssig ist und emotional trägt. Die Beweggründe der Figuren sind plausibel ausgearbeitet, sodass die finale Wendung stimmig bleibt und das Ende des Thrillers perfekt abrundet.
Insgesamt ist "Die Housesitterin" ein spannender, gut lesbarer Thriller mit durchgehend hohem Tempo und einer dichten Atmosphäre. Emily Rudolf hat sich mit diesem Thriller für mich auf jeden Fall in meinem Bücherregal etabliert. Sollte sie mal wieder ein neues Buch veröffentlichen, werde ich es definitiv lesen.