Marissa lebt in New York als Reisejournalistin, wobei ihre Aufgabe darin besteht, Bilder für Top-5-Listen zu untertiteln. Es ist der Vorabend des Hurrikan Sandy und das belebt die Erinnerungen an eine andere Naturkatastrophe aus Marissas Kindheit wieder, in der sie mit ihrem Vater auf einer thailändischen Insel lebte. Nach dem Tod der Mutter beschloss der Vater, ihre meeresbiologische Forschung weiterzuführen. Während Marissa unter der Woche bei ihrer besten Freundin Arielle im Hotel lebte und zur Schule ging, paddelten und tauchten die beiden Mädchen an den Wochenende in der bezaubernden tropischen Meereswelt und begleiteten die Forschenden zu den Mantarochen. Doch diese Zeit hat nicht nur wortwörtlich Narben hinterlassen ...
Dieses Buch erreichte mich auf einer ganz persönlichen Ebene. Als Kind von sogenannten Expats habe ich in Asien sehr viele ähnliche Erfahrungen gemacht und fand die Geschichte unglaublich authentisch. Der Roman beschwört eine enge Verbundenheit zum Land, zur Natur und vor allem zum Meer, die Naturbeschreibungen sind sehr eingängig und atmosphärisch, geradezu paradiesisch. Umso erschreckender wirken die regelmäßigen Einbrüche des menschlichen Einflusses auf die Unterwasserwelt.
Die Geschichte ist aber auch eine Ode an die Freundschaft. Die Protagonistin betrauert noch immer ihre beste Freundin aus Jugendtagen und kämpft damit, dass dieser Art von Trauer in der westlichen Gesellschaft wenig Platz eingeräumt wird. Mit diesem Buch hat die Autorin meinen Empfinden nach jetzt genau diesen Raum geschaffen. Marissa hat ihre Trauer nie verarbeitet. Wir erfahren erst gegen Ende, was genau mit Arielle passiert ist, es gibt jedoch schon vorher immer wieder Anspielungen.
Die Geschehnisse vom 26. Dezember 2004, einem real passierten Tsunami mit rund 230.000 Toten, haben Marissa nachhaltig traumatisiert und ihre Beziehung zum Meer verändert. Eingängig sind Stellen wie: "Am Tag nach der Welle hörte ich, wie eine Frau am Strand sagte: "Es ist immer noch so wunderschön." Sie klang perplex; ich verstand ihre Verwirrung."
Auf knapp 200 Seiten hat dieses Buch für mich eine ganze Welt beschrieben und direkt mein Herz erreicht. Das mag auch an meiner persönlichen Verbindung zu dieser geographischen Region liegen. Die drastischen Albträume von Marissa hätten für mich nicht unbedingt sein müssen, um das Grauen ihrer Erinnerungen deutlich zu machen, alles andere an diesem Buch fand ich sehr gelungen: die wichtigen Themen, die hier bearbeitet werden genauso wie der sensible und nie voyeuristische Umgang mit einer der größten Naturkatastrophen unserer Zeit. Durch Marissas Perspektive werden alle diese Themen sehr persönlich.