Clément Chevalier verbringt seinen freien Samstag mit harter körperlicher Arbeit, denn er hilft seinem Schwager Bertrand beim Säubern und Wenden der schweren Austernsäcke. Doch bald stört sein Handy und ruft ihn zu einem ungeklärten Todesfall. Der ungewöhnliche Schauplatz des möglichen Verbrechens: Das riesige Errichterschiff "Rochefort", von dem aus Windräder installiert werden. Ein Schnellboot der Polizei bringt den Kommissar und sein Team zum Tatort, da Kommandant Vignaud Helikopterflüge nur im äußersten Notfall genehmigt. Das Ziel ist bald erreicht. Doch wie an Bord kommen? Mittels eines waghalsigen Manövers, das nur ein Teil seiner Kollegen mitmacht, gelangt Chevalier auf das Schiff, das nicht im Wasser liegt, sondern auf sechs hohen Stelzen steht. So schwierig wie der Tatort zu erreichen war, so kompliziert gestalten sich die Ermittlungen.
Jean-Claude Vinet schickt seinen Commissaire Chevalier im vierten Fall auf ein Installationsschiff für einen Offshore-Windpark. Der originelle Tatort verleiht dem Verbrechen eine zusätzliche Facette. Nachdem ich mich mit der Technik des überraschenden Settings vertraut gemacht hatte, ein Video erwies sich in meinem Fall als sehr hilfreich, wurde ich spannend unterhalten.
Wie kam der unbeliebte Sicherheitsbeauftragte Alain Poyet ums Leben? War es ein Unfall, Mord oder Totschlag? Der schwer erreichbare Schauplatz des Todesfalls birgt auch einen Vorteil: Schnell ist klar, dass nur einer der 73-köpfigen Besatzung an Bord der Täter sein kann, den Chevalier mittlerweile sucht. Denn Poyet starb nicht durch einen Unfall.
Die Sprache des Autors ist eingängig und facettenreich. Der Leser lernt nicht nur Aufbau und Funktion eines Installationsschiffes kennen, auch die Diskussion über die Vor- und Nachteile von Windkraft gegenüber Atomenergie und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung werden thematisiert.
Die Charaktere sind für mich überzeugend. Da ich auch die anderen Fälle von Commissaire Chevalier gelesen habe, waren sie mir schon vertraut. Für Neueinsteiger in die Serie erweist sich das Namensverzeichnis am Ende des Krimis als hilfreich. Für sie wird der Start in die Reihe auch dadurch erleichtert, dass der Werdegang Chevaliers, seine Vergangenheit, seine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sowie seine private Situation, kurz erklärt werden. Der Kommissar ist ein Familienmensch, der aber auch für sein Team da ist, hier für seine Kollegin Sophie und deren Sohn. Chevaliers Privatleben lockert die Ermittlungen auf, ohne dass es zu viel Raum einnimmt.
Die Tätersuche erweist sich schwierig, trotz des abgeschotteten Schauplatzes. Verschiedene Verdächtige und Motive geraten in den Fokus der Ermittler und werden wieder verworfen. Die Überprüfung der Kameras vor Ort ist zeitaufwändig, aber wenig ergiebig und die Befragung der Crew erweist sich als zäh. Die misstraut Außenstehenden und hält zusammen. Der Arbeitgeber und Eigner der "Rochefort" erweist sich als fragwürdig. Nicht nur wurde versucht, das Gutachten zur Schuldfrage bei einem Arbeitsunfall massiv zu manipulieren, die Arbeiter werden auch ohne ihr Wissen ausgespäht
Am Ende wird der Fall gelöst, der für mich überraschende, aber durchaus überzeugende Mörder gefasst. Die Ermittlungen, die zu einem guten Teil, aber nicht nur, auf der "Rochefort" stattfanden, haben mich gefesselt. Die Spannung blieb bis zum Abschluss der Ermittlungen bestehen. Das spezielle Setting und seine, für mich, bedrückende, düstere Atmosphäre tragen zum Reiz des Krimis entscheidend bei. Als Gegenpol wird das Lokalkolorit von La Rochelle, seine Bewohner, die schöne Landschaft, das leckere Essen etc. gut eingefangen. Ein paar Fragen am Rande bleiben offen, so zur geheimnisvollen Vergangenheit von Cléments Mutter oder zum fragwürdigen Umgang des unbeliebten Kommandanten Vignaud. Aber auch ohne diese Mini-Cliffhanger bliebe ich der Reihe weiterhin treu.