"Wolfgang Rathert stützt sich in seiner neuen Biografie auf neue Archivfunde und verschiebt den Fokus der Debatte bewusst weg von der seit Jahrzehnten diskutierten Frage nach Karajans NSDAP-Mitgliedschaft. Entscheidend sei nicht, wann Karajan der Partei beitrat oder welche Mitgliedsnummer die richtige sei, sondern wie eng seine Karriere mit den Strukturen des NS-Staates verflochten war und wie sehr er diese für seinen beruflichen Aufstieg nutzte. (. . .) Sein Fazit ist differenziert, aber eindeutig: Karajan war weder ein glühender Nationalsozialist noch ein bloßer Mitläufer. Er nutzte die Möglichkeiten des NS-Staates für seinen Aufstieg, unterstützte dessen Kulturpolitik zumindest zeitweise öffentlich und bemühte sich später erfolgreich, diesen Teil seiner Biografie in den Hintergrund treten zu lassen. Damit, so Rathert, lässt sich Karajans künstlerisches Vermächtnis nicht von seiner politischen Geschichte trennen."
Axel Brüggemann, backstageclassical. com
"Bei kaum einem anderen Musiker ist noch heute der Diskurs so aufgeladen wie bei Herbert von Karajan. Die einen verehren ihn als absolutes Genie und verfallen in der Begründung dieses Ansatzes nicht selten in elitäre und arrogante Argumentationsmuster. Andere wollen offenbar alles daran legen, Karajan als den extrem mächtigen Akteur des globalen Musikbetriebs, der er war, zu demontieren. Und oft setzten Musikwissenschaftler und Publizisten ihre Kapazitäten dafür ein, Karajans schwerwiegende nationalsozialistische Vergangenheit und Überzeugung zu bagatellisieren oder zu entschuldigen. Wolfgang Rathert hat jetzt ein weiteres Buch zu dem Dirigenten veröffentlicht, geht dabei aber einen entscheidenden Schritt zurück und vermittelt den Eindruck, ohne ideologische Vorfärbung auf Werk und Leben des Dirigenten zu blicken. Vorbildlich in all seiner Nüchternheit ist bei all dem Ratherts Ton. Im Jahr 2026 ist dieser objektive, sachorientierte Ton eine Wohltat."
SWR Kultur, Hannah Schmidt, 16. 7. 2026
"Auch der Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert kommt natürlich in seiner umfangreichen, detailfreudigen Biografie nicht an Karajans Rolle unter dem Hakenkreuz vorbei. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbeschreibungen, die bereits zu Karajans Lebzeiten erschienen sind, hält sich Rathert mit moralischen Bewertungen zurück und bleibt lieber bei der sich bis heute immer noch verändernden Faktenlage. Auch abseits jener dunklen Jahre bietet Karajan dem Autor weiterhin Stoffe und Themen, die er ungemein lesenswert aufbereitet. Dazu gehören die Karrierewege von Aachen bis Berlin genauso wie persönliche Animositäten mit Musikerkollegen. Und einen Schwerpunkt bilden gleichermaßen Karajans Pioniertaten auf dem Gebiet der medialen Verbreitung der klassischen Musik."
RONDO, 25. 7. 2026