Was habe ich darauf gewartet, die Dresden-Geschichte endlich weiter verfolgen zu können - so gerne wollte ich wissen, wie es mit der Fabrik, mit Ilse und Elisabeth und natürlich mit Emma und Max weitergegangen ist.
Die Geschehnisse setzen mit rund 10 Jahren Zeitsprung am Kriegsende wieder ein. Erzählt werden sie nun primär aus der Sichtweise von Friedas Tochter Lotte, wodurch das Interesse daran, was in den Zwischenjahren mit Emmas und Karls Familien geschehen ist, lange aufrecht erhalten wird.
Ab dem zweiten Drittel sind dann spannende Rückblenden eingewoben, die direkt an den ersten Band und Emmas Sicht anknüpfen. Durch diese gekonnt komponierte Erzählführung wollte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, auch wenn es in der zweiten Hälfte durch die noch häufigeren Perspektivwechsel und Zeitsprünge etwas unruhiger und anstrengender zu lesen wird.
Sylvia B. Barron hat einen ganz besonderen Schreibstil, der informativ, eingängig und mitreißend ist. Ich habe selten so gut zu lesende Romane gefunden, die gleichzeitig ein so hohes Maß an Bildungs- und Informationswert besitzen. Dazu braucht es mMn eine ganz besondere Gabe.
Auch dieser Band liefert wieder differenziert dargestellte Einblicke in Leitsätze der NS-Ideologie und die damit einhergehenden soziologischen Vorgänge. Die Autorin kreiert mit ihren Worten beeindruckende und mitreißende Szenerien (vor allem von den Ausbombungen Dresdens) und zeichnet die Gefühle der Protagonisten so eindrücklich, dass die Zerstörung und Not der damals Lebenden absolut greifbar wird.
Die ungeschönten und realistischen Darstellungen sind trotz aller Intensität gut zu lesen und transportieren eine unzerstörbare Hoffnung, die im Leid und trotz schrecklicher Umstände geboren wird.
Erneut überzeugt die Erzählung dabei mit einem tollen Glaubensbezug. Einzelne Protagonisten setzen sich im Laufe der Handlung immer mehr damit auseinander, worauf sie ihre Hoffnung wirklich setzen können. Hierbei kommen auf eindrückliche Art und Weise verschiedenste Zweifel und existenzielle (Glaubens-)Fragen zur Sprache.
Alexei war für mich dabei eine sympathische Figur mit schöner Charakterentwicklung, die mir teilweise fast etwas zu glatt abläuft. Dennoch finden sich äußerst gewichtige theologische Aussagen in seinen Gedanken, die der Geschichte eine weitere Ebene an Tiefe geben.
Wie im ersten Band auch, gefällt mir sehr gut, dass die Protagonisten so realistisch und differenziert dargestellt sind und ihre Motivationen, Verletzungen und Handlungen ehrlich und nahbar zum Ausdruck kommen.
Toll finde ich auch, dass so viele verschiedene Sichtweisen und Lebensrealitäten abgebildet werden. Man begegnet sowohl Regimegegnern als auch -Unterstützern, Mitläufern, jüdischen Zwangsarbeitern, ostpreußischen Geflüchteten, einem Sowjetoffizier, Armen und Reichen. So wird ein starker Einblick in deren Menschlichkeit und Fehlbarkeit sowie ein tieferes Verständnis für verschiedene Dynamiken und Entscheidungsprozesse eröffnet, was zu Gedankenanstößen zu den Themen Mitschuld, Mittäterschaft und Vergebungsbedarf führt.
Der Roman bewegt, klingt nach und regt intensiv zum Nachdenken an.
Ich freue mich schon zu sehen, wie die gesamte Kaiser-Familie im letzten Band der Dresden-Trilogie hoffentlich etwas ruhigere Zeiten erleben darf.
CN: sexualisierte Gewalt (implizit), Bulimie (am Rande erwähnt), Antisemitismus, Rassismus