Das Leben an der norwegischen Küste ist hart. Kristiane hat sich dort trotzdem ihren eigenen Platz erkämpft und übernimmt viel Verantwortung für ihre Familie. Man merkt aber auch, dass sie selbst nicht immer weiß, welcher Weg der richtige ist und dass sie einige Sorgen mit sich trägt.
Die Beziehung zu ihren Kindern hat mich beim Lesen besonders beschäftigt. Kristiane wünscht sich, dass Anders die Familientradition fortführt und Schiffslotse wird. Doch Anders möchte sein eigenes Leben führen und fühlt sich zur Musik hingezogen. Für Kristiane ist das nicht leicht. Sie muss lernen, dass ihr Sohn andere Wünsche hat als sie. Dieser Teil der Geschichte hat mir gut gefallen, weil solche unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb einer Familie sehr menschlich wirken.
Auch die Geschichte um das tote Kind, das Kristiane am Strand findet, bringt viel Unruhe in die kleine Fischergemeinschaft. Natürlich stellt sich die Frage, was passiert ist und wer die Mutter des Kindes ist. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, wie streng die Menschen damals über andere urteilten. Schuld und Schande hatten einen großen Stellenwert. Einige Reaktionen konnte man kaum nachvollziehen, aber sie passten zu der Zeit, in der die Geschichte spielt.
Sehr schön fand ich die Beschreibungen der norwegischen Küste. Das Meer, der Wind und die raue Landschaft sind immer wieder Teil der Geschichte. Besonders wenn Kristiane zum Strand geht, bekommt die Handlung für mich eine ganz eigene Stimmung. Dort kann sie für kurze Zeit ihre Gedanken ordnen und Abstand von allem bekommen.
Kristiane ist eine Frau, die sich nicht einfach mit allem abfindet. Sie hat ihre Vorstellungen und versucht, diese auch durchzusetzen. Gleichzeitig kann sie nicht immer so handeln, wie sie es gerne möchte. Ihre Familie und die Erwartungen der Menschen in ihrem Umfeld spielen dabei eine große Rolle. Sie weiß zwar, was sie möchte, muss aber auch mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben. Dass sie dabei nicht immer alles richtig macht, hat sie für mich nur menschlicher gemacht.
Trude Teige erzählt die Geschichte ruhig und verständlich. Neben den familiären Problemen gibt es immer wieder Stellen, an denen es spannend wird. Dazu kommen viele Einblicke in das Leben der Fischer und Seeleute. Auch die damalige Zeit wird gut vermittelt, ohne dass die Geschichte dadurch schwer zu lesen ist. An einigen Stellen hat mich die Handlung sehr berührt. Dabei blieb es aber immer angenehm zurückhaltend.
Ein Gedanke ist mir beim Lesen besonders aufgefallen: Es ist nicht einfach, den eigenen Weg zu gehen, wenn die Familie und die Tradition etwas anderes erwarten. Gerade Anders muss sich damit auseinandersetzen, was er selbst möchte und was von ihm erwartet wird. Auch Kristiane muss lernen, mit seinen Entscheidungen umzugehen.
Für mich war es eine schöne und bewegende Geschichte über Familie, Zusammenhalt und den Wunsch, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Kristiane ist mir mit ihrer Stärke, aber auch mit ihren Zweifeln, sehr nahegekommen. Die raue norwegische Küste und das Leben der Menschen dort haben gut zu dieser Geschichte gepasst. Dafür gebe ich mit Überzeugung 5 Sterne.