Worum gehts?
Dell Danvers startet als mademoiselle_dell einen Streamathon, um Geld für ihre im Koma liegende Schwester zu sammeln. Die lebenserhaltenden Geräte sollen ausgeschaltet werden und für 14.000 $ könnte sie 1 Woche Zeit erkaufen. Doch wie weit ist sie bereit, für Geld zu gehen?
Meine Meinung:
Mit Just Watch Me liefert Lior Torenberg ein Romandebüt ab, das sich anfühlt wie ein endloser nächtlicher Doomscroll auf TikTok oder Twitch. Eigentlich weißt du die ganze Zeit, dass du längst schlafen solltest. Eigentlich passiert gar nicht so wahnsinnig viel. Und trotzdem starrst du weiter auf den Bildschirm alias dein Buch, komplett hypnotisiert, während dein Gehirn langsam verkocht wie eine Instantnudel in der Mikrowelle der modernen Internetkultur. Es ist einfach der Hammer!
Dell Danvers ist keine klassische Sympathieträgerin. Ganz im Gegenteil. Sie ist egoistisch, provokant, chaotisch und bekommt ihr Leben kaum auf die Reihe. Die Anrufe ihrer Mutter ignoriert sie konsequent, ihre Umgebung stößt sie eher weg, als Menschen an sich heranzulassen. Und trotzdem funktioniert sie als Hauptfigur erschreckend gut. Vielleicht gerade deshalb. Weil sie sich echt anfühlt. Ungefiltert. Kaputt. Überfordert. Wie jemand, der längst aufgehört hat, sauber zwischen Selbstdarstellung und Selbstzerstörung zu unterscheiden.
Besonders gefallen hat mir dagegen Lee. Divers, empathisch und irgendwie der emotionale Gegenpol zu Dell. They bringt Wärme und Menschlichkeit in eine Geschichte, die ansonsten zunehmend eskaliert wie ein Livestream kurz vor dem völligen Kontrollverlust.
Und die Handlung? Die startet fast irritierend ruhig. Dell streamt zunächst vor gerade einmal fünf bis zehn Zuschauern. Wenig passiert. Kein großes Drama. Keine Explosionen. Keine ständigen Twists. Aber genau darin liegt diese bizarre Sogwirkung. Man schaut Dell beim Streamen zu und plötzlich sitzt man selbst wie einer ihrer Viewer vor dem Buch und denkt nur noch: Noch ein Kapitel. Noch eine Challenge. Mit jedem neuen Viewer werden die Aktionen extremer. Schmerzgrenzen verschwimmen. Selbstschädigung wird Content. Aufmerksamkeit wird zur Währung. Dabei dreht sich vieles um Chili-Challenges, was auf Dauer etwas repetitiv wirkt. Hier hätte ich mir tatsächlich mehr kreative oder abwechslungsreiche Eskalationen gewünscht. Auch die Geschichte rund um Dells Schwester bleibt stellenweise eher im Hintergrund, obwohl sie der krasseste Twist überhaupt war. Aber vielleicht ist genau das der Punkt dieses Buches. Der Stream selbst wird zur eigentlichen Handlung. Dieses ständige Weiterschauen. Dieses Gefühl, dass gleich etwas Schlimmes passieren könnte. Dass man eigentlich abschalten sollte, aber es einfach nicht tut.
Besonders hängen geblieben sind auch die gesellschaftlichen Aspekte. Dieses erschreckende Gesundheitssystem der USA, in dem Menschen buchstäblich livestreamen müssen, um medizinische Versorgung bezahlen zu können. Die Selbstmedikation. Das völlige Ausbrennen. Der Druck, sich selbst immer weiter zu verkaufen. Und bitte reden wir kurz über die Szene mit der Pflanze im Gehörgang. Absoluter Alptraumstoff. Danke dafür. Ich kann bis jetzt nicht exakt erklären, warum dieses Buch so süchtig macht. Aber es macht süchtig. Komplett. Man liest weiter, obwohl man gar nicht genau sagen kann, weshalb. Und plötzlich ist das Buch vorbei und man sitzt da wie nach einem achtstündigen Streamathon: leicht verstört, übermüdet und seltsam begeistert.
Fazit:
Just Watch Me von Lior Torenberg ist kein klassischer Roman und auch kein Buch, das von großen Ereignissen lebt. Stattdessen zieht es einen langsam, fast unmerklich immer tiefer hinein in eine Welt aus Streams, Aufmerksamkeit, Selbstzerstörung und digitalem Voyeurismus. Nicht alles daran ist perfekt und manche Aspekte hätten noch mehr Tiefe vertragen. Aber die Atmosphäre, die Sogwirkung und dieses permanente nur noch ein Kapitel-Gefühl machen das Buch unglaublich fesselnd. Ein unbequemes, modernes und erschreckend aktuelles Debüt mit absolutem Suchtfaktor.
4 Sterne von mir.