Und am Ende des Buches wollte ich es am liebsten direkt noch einmal von vorne beginnen - so viel, was ich nicht wahrgenommen habe
Man könnte meinen, eine Dinnerparty mutet zunächst etwas Elegantes, Stilvolles, Exklusives und Genussvolles an. Ein Abend mit guten Freunden in schönem Ambiente. So hat sich Andrew das mit Sicherheit gedacht, als er Franca bittet, für seine Kollegen einen spontanen Abend zu organisieren. Und selbstverständlich scheut er keine Mühen und Kosten und lässt seine Verlobte den Abend über selbst in der Küche stehen. Wäre das nicht schon erniedrigend genug, erlaubt er sich auch noch einen (gelinde ausgedrückt) Fehltritt vor der Party, bei dem man lange nicht weiß, ob es der erste dieser Art war. Und Franca fällt es zunehmend schwer, an diesem Abend ihr Gesicht vor Andrew, seinen Gästen und einer ihr zufällig selbst schon lange bekannten Person zu wahren.
In einem zweiten Handlungsstrang erfahren wir von der Aufarbeitung genau jenes Abends bis zu dem Moment, an dem sich die lange verdrängten Erinnerungen wieder begegnen. Und genau an dieser Stelle wollte ich das Buch direkt noch einmal von vorne lesen. Was hatte ich selbst übersehen im Rausch der Dinnerparty?
Diesen Rausch erlebt der Lesende nicht nur bildlich durch die Erzählung, sondern spürt ihn auch im Lesestil. Denn im Handlungsstrang der Dinnerparty wird mehr als das ein oder andere Gläschen Alkohol zu viel getrunken, und beim Lesen frage ich mich zunehmend: Habe ich etwas verpasst oder überlesen? Wo liegt die Grenze zwischen Illusion, Vorstellung, Wahn und Wahrheit? Bin ich beim Lesen vielleicht selbst schon lesetrunken, habe ich gar einen Filmriss? Oder ist genau das die Wirkung, die die Autorin mit ihrem modernen Schreibstil erzielen möchte mich am Ende des Buches verwirrt zurückzulassen? Verwirrt - wütend - geschockt.
Ich mochte das Buch sehr und habe tatsächlich ganze Kapitel ein zweites Mal gelesen, nachdem ich es beendet hatte. Lange dachte ich, die Handlung sei vorhersehbar. Doch die Autorin schafft es, durch viele Hintergründe und Umstände aus Francas Leben die Geschichte auf ein ganz anderes Niveau zu heben. Die Fülle an Fehlbarkeiten aus ihrem Umfeld, die Francas gesamtes Leben beeinflussen, schmerzen und fesseln zugleich beim Lesen.
Ich finde es sehr wichtig, dass es Bücher wie dieses gibt - um Frauen in ähnlichen Situationen zu zeigen: Sie sind nicht allein auf der Welt. Nein! Und es kann ihnen geholfen werden. Und ein klitzekleines bisschen Franca steckt vielleicht sogar leider in jeder von uns.