Sind Ereignisse wirklich so passiert, wie wir sie erinnern, oder bleibt von ihnen vor allem das Gefühl, das sie in uns hinterlassen? Genau diese Fragestellung hat mich sofort gepackt und war der Grund, warum ich dieses Buch unbedingt lesen wollte
Um den Tod ihrer vor fünf Jahren verstorbenen Schwester Darina zu verarbeiten, schreibt Nola ein Buch, welches überraschend den Nerv ihrer Lesenden trifft. Während ihre Fans es lieben, reagieren ihre Geschwister und Eltern deutlich zurückhaltender. Sie sind überzeugt, dass Nola Familiengeheimnisse verraten hat.
Der Roman wird aus Nolas Perspektive erzählt und wechselt zwischen den Ereignissen rund um Darinas fünften Todestag, zu dem sich die Familie auf der Insel Lundy trifft, und Auszügen aus Nolas Buch Tierorakel. So erhält man nach und nach Einblicke in die Familienkonstellation ebenso wie in die Beziehungen der Geschwister untereinander. Ich musste mich beim Lesen allerdings erst in den Erzählstil einfinden. Die Autorin nimmt sich viel Zeit für Details, Rückblicke und Informationen, was die Handlung stellenweise etwas aufgebläht hat. Das machte die Geschichte für mich anspruchsvoll, weil ich den roten Faden zwischen all den Informationen stellenweise verlor.
Was mir gut gefallen hat, waren die Familiengespräche. Diese Familie trägt ihre Konflikte nicht leise aus - sie diskutiert, streitet, schweigt, verletzt und liebt, oft alles gleichzeitig. Und das gerne auf wunderbar britische Art bei einem Pint im Pub. Zwischen trockenem Humor, feinen Spitzen und ehrlichen Emotionen entfaltet sich eine Familiengeschichte. Gleichzeitig wird deutlich, wie tief die Trauer um Darina bei jedem einzelnen Familienmitglied sitzt - oft sehr viel tiefer, als die anderen vermuten.
Das Buch steckt voller nachdenklicher Gedanken und schöner Sätze. Besonders der Vergleich von Trauerverarbeitung und Familiendynamiken mit der Tierwelt ist ein spannender und origineller Ansatz. Dass Tierorakel ein gefeierter Bestseller ist, blieb für mich leider aber anhand der Ausschnitte nicht ganz greifbar.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Erinnerungen nie objektiv sind. Es zeigt, dass Wahrheit selten nur aus einer Perspektive besteht und dass manchmal erst das Zusammensetzen aller Erinnerungen ein vollständigeres Bild entstehen lässt.